„A Real Pain“ von Jesse Eisenberg
Diese Regel haben wir sicherlich alle schon mal gehört: „Man hat sich der Würde des Ortes entsprechend zu verhalten.“ Stellen wir uns vor, wir stehen vor dem ältesten Grab des jüdischen Friedhofs in Lublin/Polen, wo 1512 der Talmudist Jakub Kopelman bestattet wurde. Hier schweigen wir vermutlich betroffen vor uns hin oder erblicken lächelnd die kleinen Steine, die jemand aus Ehrerbietung abgelegt hat, dann spazieren wir mit halb gesenktem Kopf weiter, entziffern weitere Namen auf verwitterten Grabplatten und sind, wie gesagt, irgendwie betroffen. Plötzlich Geschimpfe von dem Typ neben uns, ein Mann Anfang vierzig: Seine Unruhe entlädt sich in einem Ausraster, dem wir nicht gleich folgen können – Gemotze, Vorwürfe, Wut über alles Mögliche und speziell über seinen anscheinend unfähigen Reiseführer. Verlegen wissen wir nicht, wohin mit unserer Fremdscham. Und je länger der Kerl zetert, desto mehr begreifen wir, dass wir es sind, die sich schämen müssen: Wie kann man sich der Würde eines Ortes entsprechend verhalten, wenn er grausamste Geschichten erzählt und der Mann hier neben uns jedes Recht dazu hat, uns den Schmerz eines ganzen traumatisierten Volkes entgegenzuschleudern? Haben nicht wir uns unwürdig verhalten, indem wir in anerzogener Zurückhaltung dem wie immer tiptop vorbereiteten Guide lauschen und alles unreflektiert hinnehmen, als lägen hier keine echten Menschen unter der Erde?
A Real Pain in the Ass
Was es bedeutet, sich „entsprechend zu verhalten“, ist für den immer mal wieder ausrastenden Benji (Kieran Culkin, der für diese Rolle den Oscar als bester männlicher Nebendarsteller erhielt) irrelevant. Er ist unangepasst und impulsiv, a real pain in the ass. Aber gleichermaßen begegnet er seinen Mitmenschen mit einer bewundernswerten Aufmerksamkeit, weil er sich wahnsinnig für sie interessiert. Während die meisten von uns z.B. durch einen Flughafen hetzen würden, mit sich und den eigenen Problemchen beschäftigt, sitzt Benji stundenlang im Wartebereich und beobachtet. Man lerne hier die tollsten Menschen kennen, erklärt er seinem Cousin David (Jesse Eisenberg, gleichzeitig für Regie und Drehbuch verantwortlich), mit dem er eine Erinnerungs-Gruppenreise durch Polen auf den Spuren ihrer Großmutter, einer Holocaust-Überlebenden, unternimmt. Ist es der Würde des Flughafens entsprechend, Leute zu beobachten und Kontakte zu knüpfen? Die meisten von uns würden doch nicht im Traum auf die Idee kommen, auf diese Weise ihre Freizeit zu verbringen.
Pillen gegen Angststörungen
So unterschiedlich die beiden Cousins als Erwachsene auch sind: Als Kinder – nur wenige Tage nacheinander zur Welt gekommen – wurden sie von ihren Verwandten wie Zwillingsbrüder betrachtet, denn sie waren unzertrennlich. Dass trotz ihrer Nähe schon immer eine gewisse Spannung bestand, wird am Beispiel von Davids Sensibilität deutlich („Du hast wegen allem geweint“, erinnert ihn Benji). David findet es „schrecklich“, wie er selbst sagt, derart emotional gewesen zu sein. Als Erwachsener hat er deshalb viele Copingstrategien entwickelt, um seine Gefühle zu kontrollieren. Damit ist er oberflächlich betrachtet sehr erfolgreich: Er hat einen guten Job, ist glücklich verheiratet und ein liebevoller Papa, wohingegen Benji vermutlich nicht einmal einen festen Wohnsitz hat. Der erwachsene David leidet aber offenkundig unter enormer Nervosität, nimmt Pillen gegen Angststörungen und hat sich eingerichtet in einer sozial verträglichen Anpassung, ohne real zu sein. Er ist in einem Zustand gefangen, der mit einem wachen, aufmerksamen Bewusstsein wenig zu tun hat. Wenn jemand echt ist, so wie sein Cousin Benji, möchte David vor Fremdscham am liebsten im Boden versinken – was seine Außenseiterposition in der bunt zusammengewürfelten Reisegruppe von Szene zu Szene verstärkt.
Wer sich nicht hinter Phrasen versteckt, zwingt andere, dasselbe zu tun
„Holocaust-Tourismus“ als Gruppenreise ist ein ziemlich verstörendes Konzept. Man macht sowas, weil man als Bildungsbürger:in den eigenen Horizont erweitern und das Wissen um die Verbrechen des Nationalsozialismus vertiefen will. Sich das historische Leid an originalen Schauplätzen angucken, sofern das überhaupt möglich ist, sich aus den Geschichtsbüchern hinaus- und zum realen Geschehen hinbewegen. Ob man dabei irgendwelche „Erweckungen“ erfährt? David und Benji erhoffen sich jedenfalls irgendwie sowas von diesem Trip. Sie als New Yorker Juden der dritten Generation erleben die Erinnerungsreise vermutlich etwas anders als ein nicht-jüdischer Tourist oder ein Überlebender des Genozids in Ruanda, der das Trüppchen in A Real Pain in der Gestalt von Eloge (Kurt Egyiawan) bereichert. Eloge baut übrigens ebenso wie die anderen schnell eine Beziehung zu dem unbequemen Benji auf. Dessen Erfolgsrezept scheint zu lauten: Wer sich nicht hinter Phrasen versteckt, zwingt andere, dasselbe zu tun. Das erzeugt Verletzlichkeit und Nähe. Alle suchen Benjis Nähe, alle wollen mit ihm befreundet sein. David würde ihn am liebsten aus dem Zug schmeißen. Wenn er nicht den entscheidenden Moment dafür verschlafen würde.
Die süße Flucht aus dem deprimierenden Alltag
In A Real Pain wird viel geschlafen. Dieses Motiv verdient es, genauer untersucht zu werden: Schlafen bzw. Verschlafen ist natürlich als Metapher dafür zu verstehen, dass man das wahre Leben und echte Gefühle verpasst, weil man so verkrampft wie David unterwegs ist. Auch aus romantischer Perspektive lässt sich das Schlafmotiv erläutern, denn der Romantiker an sich erwartet das Hinübergleiten ins Unbewusste sehnsüchtig: Endlich kann man das öde Gefängnis des Körpers und der irdischen Pflichten verlassen, um sich dem Zauber des Träumens hinzugeben. Die süße Flucht aus dem deprimierenden Alltag ist sonst nur dank Alkohol und Drogen möglich. Was für ein Glück, dass Benji auch Marihuana im Gepäck hat. Er würde jedenfalls niemals auf die Idee kommen, seinen schlafenden Cousin aus dem kostbaren Zustand der Entspannung herauszureißen, sprich: Ihn rechtzeitig zu wecken. Das ist ein Liebesbeweis. Führt aber auch dazu, dass David Verabredungen verschläft und die Gruppe auf ihn warten muss oder er die Bahnhaltestelle auf dem Weg nach Lublin verpennt und darüber vollkommen die Nerven verliert.
Hypnos und Thanatos
Bei aller Wertschätzung des Schlafens ist die Verwandtschaft zum Tod allgegenwärtig, das macht der Film durch sein Setting unmissverständlich klar. Sechs Millionen jüdischer Menschen sind im Holocaust unter anderem in polnischen Konzentrationslagern ums Leben gekommen; Eloge identifiziert sich durch die eigene Erfahrung des Völkermords so sehr mit dem Judentum, dass er sogar konvertiert ist; die Auseinandersetzung mit familiären Traumata beschäftigen auch die Mitreisenden Marcia (Jennifer Grey, deren Nasen-OP im Jahre 1989 einen wie immer rätseln lässt: Woher kenn ich die nochmal…?) und das Ehepaar Mark und Diane (Daniel Oreskes, Liza Sadovy). Der britische Guide James (Will Sharpe, bekannt aus Lena Dunhams Too Much) hat sich zum Ziel gesetzt, durch seine Tour Orte des „ungeheuren Leids und menschlicher Vernichtung“ erfahrbar zu machen. Und wie wir schon wissen, erweitern Benji und David dieses Ziel, um ihrer Grandma Dory nachzuspüren, deren Wohnhaus in Polen sie abschließend, ohne den Rest der Gruppe, unbedingt noch besuchen möchten. Der Tod begleitet die brüderlichen Cousins während der ganzen Reise, so dass sich der Vergleich mit den Brüdern Hypnos und Thanatos, die in der griechischen Mythologie Schlaf und Tod verkörpern, aufdrängt. Thanatos wohnt dort, wo sich Tag und Nacht begegnen, und gemeinsam mit dem sanftmütigen Hypnos trägt er die Verstorbenen in das Reich des Hades. Ein sanftes Hinübergleiten ins Jenseits hat auch Benji vor Jahren mithilfe von Schlaftabletten provozieren wollen, wie man im letzten Drittel des Films erfährt, und man begreift, warum David ihn nicht allein auf Hoteldächer gehen lässt: Es besteht jederzeit die Möglichkeit, dass sein Cousin sich in den Tod stürzen könnte. Also lässt er sich darauf ein, ihn nach oben zu begleiten, um zu kiffen, obwohl man das ja eigentlich nicht macht.
Was quält Benji, den charmanten, nervtötenden, liebenswerten Kerl so sehr, dass er sich suizidieren wollte? Ist es der Tod der geliebten Großmutter, deren Liebling er war? Oder ist es der transgenerationale Schmerz derjenigen, die von Holocaust-Überlebenden abstammen? Vielleicht ist es einfach die schiere Verzweiflung darüber, sein Leben nicht auf die Reihe zu kriegen, während Großeltern und Eltern als Eingewanderte mühsam dafür kämpften, sich in den USA eine Existenz in Sicherheit und Wohlstand aufzubauen. Er hingegen hängt als Erwachsener im Keller der Eltern rum, kifft und döst und geht dem Leben aus dem Weg.
Selbstfindungstrip, ein Gedenkfilm oder eine Familiengeschichte?
Der Film erzählt eigentlich die Geschichte von zwei Arten zu existieren: Wer will ich sein, wenn ich groß bin – ich selbst, authentisch (und störend)? Oder will ich mir etwas aufbauen, eine Familie gründen (und Erwartungen erfüllen)? Ob man beide Optionen vereinen kann, lässt der Film offen. Und was er eigentlich sein will, ist eine weitere Frage: Eine Tragikomödie über einen Selbstfindungstrip, ein Gedenkfilm oder eine Familiengeschichte? Sind Judentum und Holocaust sogar austauschbare Elemente, weil man sich auf die beiden Charaktere und ihre Beziehung fokussiert? Nein, dann würde der Film nicht funktionieren. Das polnische Setting und die komplexe Familiengeschichte sind dramaturgisch zwingend. Denn im Hintergrund lauert die Frage, die Benji nie ausspricht: Wie rechtfertigt man sein Leben, wenn man aus einer Familie kommt, die fast alles verloren hat? Schließlich überschattet die Erinnerung an die „Eingeschläferten“ der Gaskammern auf brutale Weise die Reisenden, ohne, dass sie offen angesprochen wird. Ein Happy End kann es dabei nicht geben. Obwohl die beiden Cousins einander während ihrer Reise wieder näher kommen, bleibt es doch komisch zwischen ihnen. Schon das mit Spannung erwartete Ankommen an Grandma Dorys Wohnhaus gerät zu einer recht verkrampften Angelegenheit: Die beiden Enkel wissen nicht so recht, wohin mit sich. Da fällt David das Ritual, Steine auf Gräber zu legen. wieder ein: Sie suchen also Steinchen, um sie in Ermangelung eines Grabmals vor der Haustür abzulegen, und so ihrer Großmutter die letzte Ehre zu erweisen. Nur wenige Sekunden später hören sie einen alten Polen herumschimpfen, dessen Sohn ihnen übersetzt, sie mögen die Steine bitte sofort wieder wegnehmen, bevor noch jemand darüber stolpert.
Mit dem Gefühl der Irritation und einer weiteren ungelenken Geste endet der Film, aber man kann sich immerhin freuen, dass David sich etwas Ungeheures traut und Benji überlebt. Ein Film, der einen noch lange nicht schlafen lässt.