Schlafen, sterben, Steinchen legen

„A Real Pain“ von Jesse Eisenberg

A Real Pain in the Ass

Pillen gegen Angststörungen

So unterschiedlich die beiden Cousins als Erwachsene auch sind: Als Kinder – nur wenige Tage nacheinander zur Welt gekommen – wurden sie von ihren Verwandten wie Zwillingsbrüder betrachtet, denn sie waren unzertrennlich. Dass trotz ihrer Nähe schon immer eine gewisse Spannung bestand, wird am Beispiel von Davids Sensibilität deutlich („Du hast wegen allem geweint“, erinnert ihn Benji). David findet es „schrecklich“, wie er selbst sagt, derart emotional gewesen zu sein. Als Erwachsener hat er deshalb viele Copingstrategien entwickelt, um seine Gefühle zu kontrollieren. Damit ist er oberflächlich betrachtet sehr erfolgreich: Er hat einen guten Job, ist glücklich verheiratet und ein liebevoller Papa, wohingegen Benji vermutlich nicht einmal einen festen Wohnsitz hat. Der erwachsene David leidet aber offenkundig unter enormer Nervosität, nimmt Pillen gegen Angststörungen und hat sich eingerichtet in einer sozial verträglichen Anpassung, ohne real zu sein. Er ist in einem Zustand gefangen, der mit einem wachen, aufmerksamen Bewusstsein wenig zu tun hat. Wenn jemand echt ist, so wie sein Cousin Benji, möchte David vor Fremdscham am liebsten im Boden versinken – was seine Außenseiterposition in der bunt zusammengewürfelten Reisegruppe von Szene zu Szene verstärkt. 

Wer sich nicht hinter Phrasen versteckt, zwingt andere, dasselbe zu tun

„Holocaust-Tourismus“ als Gruppenreise ist ein ziemlich verstörendes Konzept. Man macht sowas, weil man als Bildungsbürger:in den eigenen Horizont erweitern und das Wissen um die Verbrechen des Nationalsozialismus vertiefen will. Sich das historische Leid an originalen Schauplätzen angucken, sofern das überhaupt möglich ist, sich aus den Geschichtsbüchern hinaus- und zum realen Geschehen hinbewegen. Ob man dabei irgendwelche „Erweckungen“ erfährt? David und Benji erhoffen sich jedenfalls irgendwie sowas von diesem Trip. Sie als New Yorker Juden der dritten Generation erleben die Erinnerungsreise vermutlich etwas anders als ein nicht-jüdischer Tourist oder ein Überlebender des Genozids in Ruanda, der das Trüppchen in A Real Pain in der Gestalt von Eloge (Kurt Egyiawan) bereichert. Eloge baut übrigens ebenso wie die anderen schnell eine Beziehung zu dem unbequemen Benji auf. Dessen Erfolgsrezept scheint zu lauten: Wer sich nicht hinter Phrasen versteckt, zwingt andere, dasselbe zu tun. Das erzeugt Verletzlichkeit und Nähe. Alle suchen Benjis Nähe, alle wollen mit ihm befreundet sein. David würde ihn am liebsten aus dem Zug schmeißen. Wenn er nicht den entscheidenden Moment dafür verschlafen würde. 

Die süße Flucht aus dem deprimierenden Alltag

Hypnos und Thanatos

Was quält Benji, den charmanten, nervtötenden, liebenswerten Kerl so sehr, dass er sich suizidieren wollte? Ist es der Tod der geliebten Großmutter, deren Liebling er war? Oder ist es der transgenerationale Schmerz derjenigen, die von Holocaust-Überlebenden abstammen? Vielleicht ist es einfach die schiere Verzweiflung darüber, sein Leben nicht auf die Reihe zu kriegen, während Großeltern und Eltern als Eingewanderte mühsam dafür kämpften, sich in den USA eine Existenz in Sicherheit und Wohlstand aufzubauen. Er hingegen hängt als Erwachsener im Keller der Eltern rum, kifft und döst und geht dem Leben aus dem Weg.

Selbstfindungstrip, ein Gedenkfilm oder eine Familiengeschichte?

Mit dem Gefühl der Irritation und einer weiteren ungelenken Geste endet der Film, aber man kann sich immerhin freuen, dass David sich etwas Ungeheures traut und Benji überlebt. Ein Film, der einen noch lange nicht schlafen lässt.

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