„Anaconda“ von Tom Gormican (2025)
I. Zwei Schlangen, eine Metapher
Ein Film, der vom Filmemachen handelt, kann so schlecht nicht sein. Warum also nicht einen Kracher von 1997, der sechsmal für die Goldene Himbeere nominiert war, noch einmal aufwärmen – und zwar als Film im Film? Das ist, grob gesagt, die Prämisse von Anaconda (2025): Ein fiktives Kleinstbudget-Filmteam rund um Jack Black und Paul Rudd reist nach Brasilien, um Luis Llosas legendär schlechtes Original neu aufzulegen – diesmal mit echtem Dschungel, echter Anakonda und echtem Scheitern. Was dabei herauskommt, ist eine Komödie, die sich als Liebeserklärung ans Kino tarnt. Aber eine Liebeserklärung muss man nicht erwidern.
Fest steht, dass für die meisten von uns zur Liebe auch die Erotik gehört, und die bedrängt uns hier in Form der Schlangenmetapher. Als Code für das Kino an sich, das im vorliegenden Film dank zahlreicher Referenzen gefeiert werden soll, funktioniert die titelgebende Würgeschlange nämlich nur teilweise – die frustrierende Wahrheit ist: Eigentlich geht es in diesem Film nur darum, jemandes Jürgen zu würgen. Ja, so plump ist es wirklich, wie uns schon recht bald Sir-Mix-A-Lots Baby Got Back als musikalisches Leitmotiv offenlegt. Die Anakonda ist hier nicht bloß ein Filmtier, sondern ein phallisches Symbol mit Eigenantrieb. Der folgende Essay soll dieser Spur nachgehen.
II. Midlife Crisis trifft auf Gonzo-Projekt
Protagonist Doug McCallister (Jack Black) dreht Hochzeitsfilme und hat sich mit seinem zweitklassigen Leben abgefunden. Bis anlässlich seines Geburtstages Freund:innen aus Jugendtagen mit einer bescheuert-genialen Idee auf ihn zukommen: Noch einmal gemeinsam einen Film drehen! Als Teenager klopften sie mit dem Amateur-Horrorvideo The Squatch an Hollywoods Pforten, aber leider wollte niemand öffnen. Wieso nicht einen zweiten Anlauf wagen – mit einem Remake von Anaconda?
Dougs Frau überredet ihren zögernden Gatten schließlich zum Ausbruch: Schatz, du musst das machen! Lass mich hier allein Kinder, Job, Haushalt wuppen, während du auf unbestimmte Zeit weg bist, um all unsere Ersparnisse für ein Gonzo-Movie auf den Kopf zu hauen. Ich liebe dich und will, dass du glücklich bist! Und so kommt es dann auch: Mit einem Kleinstkredit, erfundenen Rechten an der Romanvorlage und einem in einer Fieberwahnacht geschriebenen Drehbuch im Gepäck reisen Doug und seine Clique nach Brasilien.
Wie Doug stecken auch die anderen in der Midlife Crisis: Griff (Paul Rudd) ist ewiger TV-Serienkomparse und wird niemals als Schauspieler den großen Durchbruch erleben; Claire (Newton) hat als Juristin zwar was Anständiges gelernt, fühlt sich aber in einem sinnentleerten Bullshitjob gefangen; Kenny (Steve Zahn) leidet unter mentalen Handicaps, die sich wenigstens im Laufe des Films als überraschend heilbar erweisen – sobald er endlich in öffentlichen Toilettenanlagen pinkeln kann. Das persönliche Aufblühen des Einzelnen wird also an die Kontrolle über die eigene Körperöffnung geknüpft. Man muss das nicht vertiefen, aber man darf es bemerken.
Die tapferen Vier schippern jedenfalls in einem wunderschönen Hausboot durch den Dschungel und der Dreh lässt sich trotz aller Improvisation und mangelhaften Ausstattung hervorragend an: Die Crew wächst mehr und mehr zusammen, man darf sich über Abenteuermotive in den sattesten Farben freuen, Griff und Claire entdecken während des Drehs ihre einstigen Gefühle füreinander wieder. Als Zuschauerin denkt man kurz: Könnte dieses haarsträubende Remake nicht nur im Film, sondern auch im real life einen Kultfilm hervorbringen?
III. Heitor und das Schiff: Phallus in zwei Akten
Leider nein. Bevor jedoch die eigentliche Horrorhandlung einsetzt, widmet sich das Drehbuch noch zwei weiteren freundlichen Charakteren: Santiago Bragas und seiner geliebten Anakonda Heitor, die sehr intensive Nahaufnahmen mit Griff zum Besten gibt. Sie ist zahm, verletzlich, dem Menschen zugetan und eine ideale Filmpartnerin. Trotzdem ist Griff verunsichert und schleudert die Schlange in Panik versehentlich in die Bootsschraube: Heitor fliegt in groben Fetzen durch die Luft, und diese ziemlich gelungene Szene mündet in einem „weird snake funeral“. Trauer und Schmerz gelten dabei natürlich auch dem zerstörten Phallus: Ödipale Ängste werden laut, als die Trauergäste die Elegie „Snakedie Snake“ anstimmen.
Was folgt, ist Anakonda Nr. 2: monströs, mutiert, ungeklärt. Warum taucht sie erst jetzt auf? Warum verspeist sie wahllos Menschen und Schiffe? Der Film gibt darauf keine Antwort, und das ist vielleicht die ehrlichste Aussage, die er macht: Die Riesenschlange schleicht sich lautlos aus trüben Gewässern an ihre Opfer heran, hinterlässt eine gewaltige Schneise der Zerstörung und kann schlichtweg nicht erklärt werden. Sie tut, was sie tut, weil sie es kann – die destruktive Kraft maskuliner Dominanz, die alles Leben erstickt, statt Neues zu schaffen.
Am Ende wird sie von Schusswaffen, Feuerwerk und einstürzenden Filmgerüsten zur Strecke gebracht: One gun shoots another. Es ist also dann doch Hollywood, das die toxische Männlichkeit besiegt.
IV. Was der Film will – und was er stattdessen tut
Anaconda will sich über Filme lustig machen und sie gleichzeitig würdigen, will unterhalten und Spaß machen. Das ist legitim. Und es gibt Momente, die das einlösen: Jack Black wird von einer Riesenschlange verschlungen, wieder ausgespien, ist trotzdem tot, bekommt aus bestimmten Gründen ein halbtotes Schwein auf Kopf und Schultern geklebt, flieht kurz darauf – doch nicht tot – vor besagter Anakonda, während das Schwein mitten im Sprint ebenfalls wieder zu Bewusstsein kommt und seine allgemeine Verwirrung lautstark hinausquiekt. Ich möchte diese Szene für immer im Herzen behalten. Ebenso wie mich der Cameo von Ice Cube auf dem zerstörten Set der Sony-Konkurrenzproduktion zum Juchzen brachte, denn dass er auftauchen und den heldenhaften Retter geben darf, ist eine Freude.
Aber insgesamt zündet die Horrorkomödie nicht. Das liegt nicht am Budget (45 Mio. USD, ähnlich wie das Original von 1997, das trotz vernichtender Kritiken weltweit ca. 137 Mio. Dollar einspielte) oder am Ensemble. Es liegt daran, dass der Film vorgibt, von der Suche nach einem erfüllten Leben in den besten Jahren zu handeln, in Wirklichkeit aber den Male Gaze nicht abstellen kann und Frauen nur zu Nebenfiguren – oder eher: Dekoration – degradiert, und das ist einfach zum Gähnen.
Die Figur, die das am deutlichsten spiegelt, ist Lara Croft II: Ana Almeida (warum hat sie wohl diesen Vornamen?, gespielt von Daniela Melchior) wirkt wie eine Hommage an die berühmte Actionheldin, wird zur Kapitänin des gecharterten Bootes, fügt sich ideal in das Filmteam ein und es dauert nicht lange, bis Doug ihr verfallen ist. Tatsächlich ist sie eine Kriminelle, was kurzzeitig alles noch ein bisschen chaotischer macht. Aber nicht, dass der Film irgendetwas Interessantes damit anzustellen wüsste. Ana ist Staffage, wie fast alle weiblichen Figuren. Dougs unscheinbare Ehefrau bleibt zu Hause; Claire kriegt ihre Liebesgeschichte, aber keine Szene, die sie als Person zeigt. Ein Problem, das auch Jennifer Lopez nicht lösen kann.
V. Ein weiterer Gastauftritt und das Ende der Ironie
Am Ende gibt es eine gefeierte Premiere vor großem Publikum. Die Amateur-Crew wird wie eine Gruppe kultiger Genies beklatscht. J-Lo hat einen wenig sinnvollen Gastauftritt, um aller Welt zu zeigen, dass sie in fast 30 Jahren kaum gealtert ist, wie es sich für Frauen in Hollywood gehört – und der Metafilm wird natürlich auch dank ihres Supports zum Megafilm. Obwohl der Soundtrack einem wiederholt Angst machen wollte: Nein, man ist nicht am End of the Road angekommen, sondern im Gegenteil zu einem neuen Leben erwacht und hat sein Glück gefunden.
Auch am Ende seines mittelmäßigen Daseins hält der Film die Ironie nicht durch. Denn spätestens mit der triumphalen Schlusssequenz glaubt Anaconda ernsthaft an die Geschichte, die er erzählt: Selbstfeier statt Selbstironie. Und so müssen wir noch einmal an I don’t want to wait for our lives to be over erinnert werden, bis uns die antreibende Hook von Baby got back erlöst. 99 Minuten braucht Anakonda, um ein nettes Happy End zu erreichen. Sir Mix-A-Lot hat mehr Spannung in 3:59 Minuten gepackt.